Gedichte und Geschichten

Eine Legende

Ehen werden im Himmel geschlossen, aber auf Erden gelebt (Aus Deutschland)

Ein junger Mann hatte einen Traum. Hinter der Ladentheke sah er einen Engel. Hastig fragte er ihn: "Was verkaufen Sie, mein Herr?" Der Engel gab ihm freundlich zur Antwort: "Alles, was Sie wollen." Der jenge Mann sagte: "Dann hätte ich gerne:

  • eine Frau, die mich immer versteht und auf die ich mich verlassen kann,
  • eine glückliche Ehe, die bis zu unserem Lebensende glücklich bleibt
  • gute Freunde, die uns auf unserem Lebensweg begleiten
  • Kinder, die sich gut entwickeln und an denen wir unsere Freude haben,
  • und, und..."

Da fiel ihm der Engel ins Wort und sagte: "Entschuldigen Sie, junger Mann, Sie haben mich verkehrt verstanden. Wir verkaufen keine Früchte hier, wir verkaufen nur den Samen.


Rudolf Otto Wiemer

Die Liebe hat ihre eigene Sprache. Die Ehe kehrt zur Landessprache zurück (aus Rußland).

Der Windhund schreibt an seine Braut: man hat mir jüngst den Wind geklaut, so dass ich, treu zwar und gesund, dich grüsse als dein armer Hund.

Die Braut erwidert: Welch ein Glück! Komm nur als armer Hund zurück zu deiner sehr erfreuten Braut - dem Wind, dem hab` ich nie getraut.


Eine chinesische Parabel

Die Brautleute hatten nicht viel Geld, aber dennoch waren sie der Meinung, dass viele Menschen mitfeiern sollten. Geteilte Freude ist doppelte Freude, dachten sie. Es solte ein großes Fest werden, beeschlossen sie, mit vielen Gästen. Denn warum sollte unsere Freude nicht ansteckend sein? - fragten sie sich. Es herrscht unter den Menschen ohnehin mehr Leid als Freude. Also baten sie die Eingeladenen, je eine Flasche Wein mitzubringen. Am Eingang würde ein großes Fass stehen, in das sie ihren Wein gießen könnten; und so sollte jeder die Gabe des anderen trinken uund jeder mit jedem froh und ausgelassen sein.

Als nun das Fest eröffnet wurde, liefen die Kellner zu dem großen Fass und schöpften daraus. Doch wie groß war das Erschrecken aller, als sie merkten, dass es Wasser war. Versteinert saßen oder standen sie da, als ihnen allen bewußt wurde, daß eben jeder gedacht hatte: Die eine Flasche Wasser, die ich hineingieße, wird niemand merken oder schmecken. Nun aber wußten sie, daß jeder so gedacht hatte. Jede von ihnen hatte gedacht: Heute will ich mal auf Kosten anderer feiern. Unruhe, Unsicherheit und Scham erfaßte alle, nicht nur, weil es lediglich Wasser zu trinken gab. Und als um Mitternacht das Flötenspiel verstummte, gingen alle schweigend nach Hause, und jeder wußte: Das Fest hatte nicht stattgefunden.


Der kleine Prinz

Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast (Antoine de Saint-Exupéry)

Und der kleine Prinz kam zum Fuchs zurück. "Adieu", sagte er..."Adieu, sagte der Fuchs. "Hier ist mein Geheimnis. Es ist danz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar". "Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar", wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

"Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig."

"Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe...", sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

"Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen", sagte der Fuchs. "Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich..." "Ich bin für meine Rose verantwortlich...", wiederholgte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

Antoine de Saint-Exupéry


Aesop

Wer lächelt, statt zu loben, ist immer der Stärkere ( AusKorea)

Bei einem Weiher stand eine mächtige Eiche. Davor ein Schilfrohr, das sich im Winde bewegte. Die Eiche sprach: "Warum stehst nicht fest, wie ich es tue?" Es antwortete das Rohr: "Ich bin nicht so stark und eigenständig wie DU." "Also bekennst Du", sagte die Eiche, "dass ich stärker bin als Du?" Danach kam ein ungestümer Wind auf. Die Eiche wollte sich nicht neigen, und der Wind riß sie aus der Erde und warf sie nieder. Das bewegliche Schilfrohr aber ließ er stehen

 

 


Wolf Biermann

In einem guten Wort ist Wärme für drei Monate (aus der Mongolei)

Junge Frau

Warum weinst du?

Meine junge Frau, was brauchst du?

- was braucht meine junge Frau?

Hast du Brot und Salz nicht reichlich

Oder hat dich wer beleidigt?

- was braucht meine junge Frau?

Brot und Salz hab ich in Fülle

Nur ein liebes Wort in aller Stille

- das braucht deine junge Frau

(Aus dem Russischen)


Wolfdietrich Schnurre

Eine Kaulquappe hatte einen Weißfisch geehelicht. Als ihre Beine wuchsen und sie ein Frosch zu werden begann, sagte sie eines Morgens zu ihm: "Martha, ich werde jetzt bald einer Berufung aus Festland nachkommen müssen, es wird angebracht sein, dass du dich beizeiten daran gewöhnst, auf dem Lande zu leben."

"Aber um Himmels willen!" rief der Weißfisch verstört, "bedenke doch, Lieber: meine Flossen! Die Kiemen!" Die Kaulquappe sah seufzend zur Decke empor: "Liebst du mich, oder liebst du mich nicht?" Ei, aber ja," hauchte der Weißfisch ergeben. "Na also", sagte die Kaulquappe.


Josef Bill

Es ist das Herz, das gibt, die Hände geben nur her: (aus Afrika)

Von Rainer Maria Rilke gibt es eine geschichte aus der Zeit seines ersten Pariser Aufenthaltes. Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bellerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geber je aufzusehen, ohne ein anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern als nur immer die Hand auszustrecken, saß die Frau immer am gleichen Ort.

Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück. Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum ernichts gebe, und Rilke gab ihr zu Antwort:" Wir müssten ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand." WenigenTage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte gehen. Da geschah das Unerwartete:

Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küßte sie und ging mit der Rose davon.

Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Alten Almosen gebe.

Nach acht Tagen saß plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. "Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?" fragte die Französin. Rilke antwortete: "Von der Rose..."


Schostakowitsch

"Ein Käfer liebte eine Raupe, und sie erwiderte diese Liebe. Und plötzlich war die Raupe tot. Sie lag eingesponnen, verpuppt. Der Käfer trauerte über die Leiche seiner Liebsten. Auf einmal öffnete sich die Larve, ein Schmetterlin erscheint. Wo Lärm ist, gibt's auch Prügel. Und der Käfer beschließt, den Schmetterling zu töten, weil erihn in seiner Trauer um die Raupe gestört hat. Er fliegt zu ihm hin und sieht: die Augen des Schmmerlings sind ihm vertraut. Es sind die Augen der Raupe.Fast hätte er sie getötet, denn alles an ihr hatte sich verändert, nur die Augen waren dieselben geblieben. Nun lebten der Käfer und der Schmetterling glücklich miteinander. Um das zu können muß man einander in die Augen sehen. Nicht jedem gelingt das. Und manchmal reicht dafür das Leben nicht aus."


Schir Haschirim Rabbah I,4

Wer einen Menschen liebt, setzt für immer seine Hoffnung auf ihn. (Gabriel Marcel)

Es geschah einmal, dass eine junge Frau in Sidon mit ihrem Mann zehn Jahre lang gebte, ohne dass sie ihm ein Kind gebar. Dem Gesetz in dieser Angelegenheiten folgend, gingen Sie zu Rabbi Simeon bar Jochai, um sich scheiden zu lassen.

Der Rabbi sprach zu ihnen: "Bei eurem Leben! So wie ihr, als ihr euch trauen ließet, bei einem festlichen Gelage zusammen kamt, so solltet ihr euch auch jetzt nicht ohne ein festliches Gelage trennen."

Sie folgten dem Rat des Rabbi und bereiteten ein großes Fest, bei dem die Frau ihrem Mann mehr als gewöhnlich zu trinken gab. Als er sich nun sehr wohl fühlte, date er zu seiner Frau: "Töchterlein, du kannst dir aus meinem Hause das mitnehmen, was dir am besten gefällt; und dann kehre zurück in das haus deines Vaters."

Was tat sie? Als er eingeschlafen war, befahl sie ihren Knechten und Mägden, ihn und das Bett, auf dem er schlief, in das Haus ihres Vaters zu bringen. Um Mitternacht wachte der Mann auf. Als der Weinrausch ihn verlassen hatte, sah sich der Mann verwundert um und sprach: "Töchterlein, wo bin ich denn eigentlich?" "Du bist", antwortete sie, "im Haus meines Vaters."

"Was habe ich denn mit dem Hause deines Vaters zu tun?" Sie antwortete: "Erinnerst du dich nicht daran, dass du mir gestern abend gesagt hast, dass ich das, was mir am besten gefällt, mitnehmen kann, wenn ich zu meinem Vater zurückkehre? Nichts gefällt mir besser in der ganzen Welt als du!"

Da gingen sie wieder zusammen zu Rabbi Simeon bar Jochai. Er betete für sie; und die Frau wurde schwanger.

 


Ernst Penzoldt

Der Frieden ist die Grundlage des ehelichen Glücks (aus dem Talmud (3. Jhd.)

Zwischen zwei Völkern drohte ein Krieg auszubrechen. Auf beiden Seiten schickten die Feldherren Kundschafter aus. Sie sollten herausfinden, wo man am leichtesten in das Nachbarland einfllen könne.  Beide Kundschafter kehrten zurück und berichteten ihren Feldherrn: Es gibt nur eine einzige Stelle an der Grenze, wo wir in das andere Land einfallen können.. Überall sonst sind hoh Gebirge und tiefe Flüsse. An dieser Stelle aber, so erzählten sie, hat ein Bauer sein Feld. Er wohnt dort in einem kleinen Haus mit seiner Frau und seinem Kind. Sie haben sich lieb. Sie sind glücklich. Ja, es heißt, sie sind die glücklichsten Menschen der Welt. Wenn wir über das kleine Feld ins Feindesland einmarschieren, zersören wir das Glück. Also - so sagten die Kundschafter - kann eskeinen Krieg geben. Das sahen die Feldherrn dann auch wohl oder über ein, und der Krieg fand nicht statt - wie jeder Mensch begreifen wird.


Indische Legende

Einen Menschen lieben heißt einwilligen, mit ihm alt zu werden

Ein hoher Beamter fiel bei seinem König in Ungnade. Der König ließ ihn ob obersten Raum eines Turmes einkerkern. In einer mondhellen nacht aber stand der Gefangene oben auf der Zinne des Turmes und schaute hinab. Da sah er seine Frau stehen. Sie machte ihm Zeichen und berührte die Mauer des Turmes. Gespannt blickte der Mann hinunter, um zu erkennen, was seine Frau hier tat. Aber es war für ihn nicht verständlich. So wartete er geduldig auf das, was da kam.

Das Weib am Fuße des Turmes hatte ein honigliebendes Insekt gefangen; sie bestriech die Fühler des Käfers mit Honig. Dann befestigte sie das Ende eines Seidenfadens am Körper des Käfers und setzte das Tierchen mit dem Kopf nach oben an die Turmmauer, gerade an die Stelle, über der sie hoch oben ihren Mann stehen sah. Der Käfer kroch langsam dem Geruch des Honigs nach, immer nach oben, bis er schließlich dort ankam, wo der Gefangene stand.

 Der Gefangene aber war aufmerksam und lauschte in die Nacht hinein, und sein Blick ging nach unten. Da sah er das kleine Tier über die Rampe klettern. Er griff behutsam nach ihm, löste den Seidenfaden, befreite das Insekt und zog den Seidenfaden langsam zu sich empor.

Der Faden aber wurde immer schwerer. Es schien, dass etwas daran hing. Und als der Mann den Seidenfaden ganz bei sich hatte, sah er, dass am Ende des turmlangen Fadens ein Zwirnfaden befestigt war. Der Mann oben zog auch diesen Faden zu sich empor. Der Faden wurde immer schwerer und schwerer und siehe, an seinem Ende war ein kräftiger Bindfaden zu sich empor. Dieser wurde schwerer und schwerer, und an seinem Ende war dem Mann ein strake Schnur in die Hand gegeben. Der Mann zog die Schnur zu sich heran, und ihr Gewicht nahm inner nehr zu, und als das Ende in seiner Hand war, sah er, dass hier ein starkes Seil geknotet war. Das Seil machte der Mann an einer Turmzinne fest. Das weitere war einfach und selbstverständlich.

Der Gefangene ließ sich am Seil herab und war frei. Er ging mit seiner Frau schweigend in die stille Nacht hinaus und verließ das Land des ungerechten Königs.

 

 


Wolfgang Altendorf

Sophius, der Weise, in fünfzigjähriger, ungetrübter Ehe, wurde nach dem Geheimnis dieses Glückes gefragt, und er antwortete: "Fragt mich nicht, was ich getan, vielmehr fragt mich danach, was ich nicht getan. Nicht habe ich zu ihr gesagt, die sie fünfzig Jahre an meiner Seite steht, nicht habe ich gesagt, werde wie ich! Ihr nennt mich den Weisen. Verlangt drum nicht von mir, dort töricht zu handeln, eo es allein der Weisheit bedarf!

Als ich sie zum ersten Mal sah, schön wie eine Blüte mit dem sanften Schimmer des Rubins, gefiel sie mir nur deshalb und so, wie sie war.

Ich lag zu ihren Füßen, weil sie anders war; werde ich zu ihren Füßen liegen, wenn sie so ist wie ich? Wer starrt gerne Tag für tag in einen Spiegel? Fragt mich deshalb nicht, was ich getan, fragt mich, was ich nicht getan. Nicht habe ich von ihr verlangt, ihr Wesen zu verleugnen, weil es nicht mein Wesen sei, den Rhytmus gar ihres Atems zu ändern, etwa weil mein Rhytmus der gesündere sei, den Schlag ihres Herzens.


Else Schubert-Christaller

Ein Weiser mit Namen Choni ging einmal über Land und sah einen Mann, der einen Johannesbrotbaum pflanzte. Er blieb bei ihm stehen und sah ihm zu und fragte: "Wann wird das Bäumchen wohl Früchte tragen?"

Der Mann erwiderte: "In siebzig Jahren."

Da sprach der Weise: "Du Tor! Denkst du in siebzig Jahren noch zu leben und die Früchte deiner Arbeit zu genießen? Pflanze lieber einen Baum, der früher Früchte trägt, dass du dich ihrer erfreust und deinem Leben".

Der Mann aber hatte sein Werk vollendet und sah freudig darauf, und er antwortete: "Rabbi, als ich zur Welt kam, da fand ich Johannisbrotbäume und aß von ihnen, ohne daß ich sie gepflanzt hatte, denn das hatten meine Väter getan. Habe ich nun genossen, wo ich nicht gearbeitet habe, so will ich einen Baum pflanzen für meine Kinder oder Enkel, dass sie davon genießen. Wir Menschen mögen nur bestehen, wenn einer dem anderen die Hand reicht. Siehe ich bin ein einfacher Mann, aber wir haben ein Sprichwort. Gefährten oder Tod.


Eine Legende


Es war einmal ein Ehepaar, das lebte glücklich irgendwo. Die beiden liebten sich, teilten Freude und Leid, Arbeit und Freizeit, Alltag und Sonntag miteinander. Über Jahre lebte das Ehepaar in diesem Glück, bis eines Tages....

Eines Tages las das Ehepaar miteinander in einem alten Buch. Es las, am Ende der Welt gäbe es einen Ort, an dem der Himmel und die Erde sich berührten. Dort gäbe es das große Glück, dort sei der Himmel.

Das Ehepaar beschloß, diesen Ort zu suchen. Es wollte nicht umkehren, bevor es den Himmel gefunden hätte. Das Ehepaar durchwanderte nun die WElt. Es erduldete alle Entbehrungen, die eine Wanderung durch die ganze Welt mit sich bringt. Sie hatten gelesen, an dem gesuchten ort sei eine Tür, man brauche nur anzuklopfen, hineinzugehen und schon befinde man sich beim großen Glück. Endlich fand das Ehepaar, was es suchte. Die beiden klopften an die Tür, bebenden Herzens sahen sie, wie sie sich öffnete.

Und als sie eintragen, blieben sie sofort ertaunt stehen - sie standen in ihrer eigenen Wohnung. Die Wohnung war so, wie sie sie verlassen hatten. Nein, nicht ganz! Da gab es eine neue Tür, die nach draußen führte und jetzt offen stand.

Da begriffen sie: Der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren, an dem das Glück zu finden ist, dieser Ort befindet sich auf dieser Erde. Er befindet sich direkt in unserer Umgebung. Wir brauchen nur die Tür zu öffnen. Wir brauchen nur am leben anderer teilnehmen, andere an unserem Leben teilnehmen lassen.


Gedicht

Liebe ist das einzige, was wächst, wenn wir es verschwenden (Ricarda Huch)

Ein Gußeisenofen

begann ein neues Leben.

Einen alten Wunsch realisierend,

zog er Wärme an,

stat sie auszustrahlen.

Seine Umgebung wurde dadurch immer kälter,

und er selbst schwelgte im Übermaß.

"Hergabe statt Hingabe!" rief er

leidenschaftlich und nahm gar nicht wahr,

dass er selbst, samt seinem lodernden

Brennmaterial, langsam zu Asche wurde.

Er fiel zerbröckelnd in sich zusammen,

und das zurückbleibende Aschenhäufchen

war noch kälter als die Umgebung

 


Johannes B. Lotz

Die Liebe stirbt niemals an Hunger, wohl aber an übersättigung ( N. de Lenclos).

eines schönen Morgens glitt vom hohen Baum am festen Faden die Spinne herab. Unten im Gebüsch baute sie ihr Netz, das sie im Laufe des Tages immer großartiger entwickelte und mit dem sie reiche Beute fing.

Als es Abend geworden war, lief sie ihr Netz noch einmal ab und fand es herrlich.

Da entdeckte sie auch wieder den Faden nach oben, den sie über ihrer betriebsamen Geschäftigkeit ganz vergessen hatte. Doch verstand sie nicht mehr, wozu er diene, hielt ihn für überflüssig und biß ihn ab.

Sofort fiel das Netz über ihr zusammen, wickelte sich um sie wie ein nasser Lappen und erstickte sie.


Nach einer alten Legende

Ein Mensch trägt die Last, der er gewachsen ist (aus Afrika)

Eine Legende aus dem Mittelalter berichtet, wie Gott einmal Erbarmen hatte mit einem Menschen, der sich über sein zu schweres Kreuz beklagt. Er führte ihn in einen raum, wo alle Kreuze der Menschen aufgestellt waren, und sagte ihm: "Wähle!" Der Mensch machte sich auf die Suche. Da sah er ein ganz dünnes, aber dafür war es länger und größer. Er sah ein ganz kleines, aber als er es aufheben wollte, war es schwer wie blei. Dann sah er eins, das gefiel ihm und erlegte es auf seine Schultern. Doch da merkte er, wie das Kreuz gerade an der Stelle, wo es auf der Schulter auflag, eine scharfe Spitze hatte, die ihm wie ein Dorn ins Fleisch drang. so hatte jedes Kreuz etwas Unangenehmes. Und als er alle Kreuze durchgesehen hattte, hatte er immer noch nichts Passendes gefunden. Dann entdeckte er eins, das hatte er übersehen, so versteckt stand es. Das war nicht zu schwer, nicht zu leicht, so richtig handlich, wie geschaffen für ihn. Dieses Kreuz wollte er in Zukunft tragen. Aber als er näher hinschaute, da merkte er, dass es sein Kreuz war, das er bisher betrgen hatte.


Martha Solmar

Lin-Yu war sehr arm. Es gelang ihm kaum, das Notwendigste zu verdienen. Zwar hatte er viele Jahre lang studiert und besaß großes Wissen, doch vermochte er nicht, eine Anstellung zu finden. Meistens hatte er nur das Wasser, das Yün-Meng vom Brunnen holte, und etwas Reis. Oft fehlte auch dieser. Lin-Yu hoffte.

Er glabte an sich.

Yüng-Meng aber war des Wartens müde. Sie bat ihren Gatten, sie freizugeben, damit sie eine andere Ehe schließen könnte.

Lin Yu sah sie lange an und schwieg.

"Du müsstest nicht länger für mich sorgen", sagte Yün-Meng. "Das Wenige, das du mit mir teilen mußt, bliebe für dich allein".

Lin-Yu liebte seine Gattin sehr. Er konnte sich nicht entschließen, sich von ihr zu trennen. Yüng-Meng aber ließ nicht ab, um ihre Freiheit zu bitten.

"Ich kann nicht länger warten, bis du endlich etwas erreichst. Willst du mich hindern, einen reichen Mann zu finden?"

Ihre Worte taten ihm weh. Doch willigte er schließlich in die Trennung ein. Es gelang im bald darauf, zu Ansehen und Reichtum zu kommen. Er fand eine ausgezeichnete Stellung und konnte seinem Besitz durch eine günstige Erbschaft vergrößern. Da kehrte Yüng-Meng zurück und bat, er möge sie wieder als Gatting aufnehmen. Lin-Yu sah sie lange an  und schwieg. "Ich bin noch immer arm und allein", sagte Yüng-Meng. "Nimm mich wieder zu dir."

Er hieß sie, Wasser aus demKrug auf den Boden zu gießen. Yüng-Meng erfüllte seinen Wunsch. Nun befahl Lin_Yu, das Wasser wieder zusammenzufassen.

"Wie soll ich das Wasser wieder aufnehmen", fragte Yüng-Meng, "wenn ich es verschüttet habe?"

LinYu nickte.